Die biologisch-kognitiven Grundlagen narrativer Motivierung

Die biologisch-kognitiven Grundlagen narrativer Motivierung

Humboldt-Institutspartnerschaft zwischen Göttingen und Szeged
Leiterin des Projekts: Dr. Márta Horváth (Szeged), Dr. habil. Katja Mellmann (Göttingen)
Dauer: 2013.01.01. – 2014.12.31.
Teilnehmer: Dr. habil. Endre Hárs (Szeged), Dr. Berenike Herrmann (Göttingen), Dr. Gerhard Lauer (Göttingen), Stefanie Luther (Göttingen), Katrin Pollmann (Göttingen), Dr. Erzsébet Szabó (Szeged), Dr. Judit Szabó (Szeged)

I. Darstellung des Themas

Die Geisteswissenschaften befassen sich traditionell mit dem Menschen als Kulturwesen. Im Zuge der „kulturwissenschaftlichen“ Ausrichtung der Geisteswissenschaften seit den 1990er Jahren wurde die Kontextabhängigkeit der Bedeutung menschlicher Handlungen allerdings häufig überbetont, teilweise sogar die Ausschliesslichkeit ihrer Kulturdeterminiertheit behauptet und somit die komplementäre Perspektive, die Frage nach den biologischen Wurzeln von Kulturphänomenen, häufig aus den Augen verloren. So wurden auch literarische Texte in den letzten Jahrzehnten fast ausschließlich als Manifestationen sozio-kultureller Symbolsysteme untersucht und jene Komponenten des Textes, die über das kulturell Kodierte hinausgehen und die Frage nach dem Universal-Biologischen aufwerfen, weitgehend ausgeblendet. Erst seit wenigen Jahren zeigen sich unter den Namen »Kognitive« und »Evolutionäre Literaturwissenschaft« vereinzelt erste Ansätze, dieses Defizit zu beheben. Unser Projekt zur narrativen Motivierung versteht sich als Beitrag zu dieser neuen, noch recht heterogenen, aber äußerst innovativen Forschungsrichtung.

Unter Motivierung versteht man diejenigen Strukturen eines (in der Regel narrativen) Textes, die das dargestellte Geschehen in den sinnhaften Zusammenhang einer Geschichte integrieren (Martinez/Scheffel 1999, 111; ferner Schmid 2008, 251-284). In einer ›motivierten‹ Geschichte folgen die einzelnen Ereignisse nicht nur chronologisch nach einander, sondern bestimmten Sinnzusammenhängen gemäß aus einander (Martinez 2007, 643). Dass die dabei zur Anwendung kommenden »Verknüpfungsregeln« (Scheffel 2011, 76) meist nicht expliziter Teil des Textes sind, sondern erst durch die Ergänzungstätigkeit des Lesers hinzutreten (Martinez/Scheffel 1999, 112f., 149f.), macht das Erzählmittel der Motivierung besonders interessant für einen kognitionspsychologischen Ansatz. Viele dieser Verknüpfungsregeln lassen sich aus dem kulturellen Wissen des Lesers ableiten, doch neben diesen kulturell geprägten kognitiven Skripts und Schemata sind vermutlich noch viel basalere Kategorien im Spiel – wie etwa Kausalität, Teleologie, Intention/Aktion oder diverse ›Gestalt‹-Schemata –, die den Verstehensakt des Lesers fundamental bestimmen und sich aus der Evolutionsgeschichte des Menschen ableiten. Unser Projekt fragt nach solchen fundamentalen kognitiven Algorithmen, die von Erzähltexten als funktionierende Verknüpfungsregeln vorausgesetzt werden und sich plausibel als Teil der universalen Grundausstattung des menschlichen Geistes beschreiben lassen.

II. Forschungsstand und Zielsetzungen des Projekts

Die Vorstellung, dass es »eine historisch und kulturell relativ stabile narrative Kompetenz« (Martínez/Scheffel 1999, 138 u. 153) gibt, die kulturunabhängig immer wieder ähnliche Formen von Erzählungen hervorbringt, ist nicht neu. Insbesondere in der strukturalistischen Narratologie finden sich hilfreiche Vorarbeiten zur Beschreibung konstant wiederkehrender Strukturelemente. So hat z.B. Vladimir Propp die auf der Textoberfläche vielfältig und variabel erscheinenden Figuren des russischen Volksmärchens auf eine reduzierte Zahl von konstanten »Funktionen« zurückgeführt (aktualisiert durch Kafalenos 2006) oder Claude Lévi-Strauss universale Prinzipien des Aufbaus von Mythen rekonstruiert. Eine weitere wichtige Grundlage unserer Forschungen bilden die kognitionswissenschaftlichen Studien über die spezielle Struktur des narrativen Textes, die in Einklag mit den literaturtheoretischen Untersuchungen wichtige Kernkomponenten des Erzähltextes rekonstruierten (Kintsch & van Dijk, Rumelhart, Schank, Thorndyke). Waren diese Forschungen der 1960er bis 80er Jahre noch vornehmlich an einer aus den einzelnen Erzähltexten abstrahierbaren, allgemeinen »story grammar« interessiert, zeigen sich in jüngerer Zeit eher Versuche, möglichst spezifische Handlungsschemata zu rekonstruieren (vgl. Martínez/Scheffel 1999, 139f., 153-55).

Diese Interessensverlagerung lässt sich produktiv zusammenführen mit der kognitionswissenschaftlichen Einsicht, dass der menschliche Geist als Produkt der Evolution kein ›Allzweckcomputer‹ ist, sondern ein Konglomerat zahlreicher je bereichsspezifischer Algorithmen, die im Laufe der Evolution als Antwort auf je spezifische Selektionsdrücke entstanden sind (und erst in höherstufiger Verschaltung das hervorbringen, was „allgemeine Intelligenz“ genannt und als Charakteristikum der menschlichen Spezies angesehen wird). So führte z.B. Walter Burkert (1998, 74-102) das schon von Propp beobachtete Handlungsschema der abenteuerlichen Suche auf den biologischen Instinkt des Futtersuchens zurück, und Karl Eibl (2004, 263-272; 2008) entwickelte diesen Ansatz in seinen Überlegungen zu angeborenen Plots weiter. Eibl zufolge verdanken sich viele der Verknüpfungsregeln, die aus einem bloßen ›Geschehnis‹ einen ›Plot‹ machen, angeborenen kognitiven Schemata, die das Verhalten unserer vor- und frühmenschlichen Vorfahren in adaptiver Weise gelenkt und sich daher im Erbgut erhalten haben. In ähnlicher Weise ließen sich auch weitere angeborene kognitive Programme und Kategorien heranziehen, um die gestalthafte Ganzheit mancher narrativer Plots (bzw. die Unabgeschlossenheit/Offenheit anderer) zu erklären. Anschließen könnte man z.B. bei Patrick Colm Hogan (2003), der vermutet, dass die Verlaufsepisoden von Emotionsprogrammen storybildend wirken, oder bei Lisa Zunshine (2008), die die Auswirkung angeborener Kategorien auf Literatur untersucht hat. Auch das alte Prinzip der »poetischen Gerechtigkeit« (die ›Guten‹ werden belohnt, die ›Bösen‹ bestraft) wurde jüngst aus evolutionspsychologischer Perspektive neu beleuchtet (Flesch 2007, Eibl 2012).

Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt liegt sicherlich beim menschlichen Einfühlungsvermögen. Der heutige erzähltheoretiche Begriff »Motivierung« ist ja das Resultat einer abstrahierenden Verallgemeinerung, d.h. als narrative Motivierung gelten nicht nur die eigentlichen Handlungs motive /Motivationen der beteiligten Figuren (vgl. Jannidis 2004, 221-229), sondern (im oben bereits erläuterten Sinn) jedwede Sinnstruktur, die die einzelnen Ereignisse als miteinander verbunden erscheinen lässt. Die Figurenpsychologie – bzw. der verstehende Nachvollzug derselben durch den Leser – spielt gleichwohl eine hervorgehobene Rolle zumindest im psychologisierenden Erzählen des europäischen Realismus. In ganz vergleichbarer Weise, so vermuten wir, können auch andere Anthropomorphisierungen , die der Leser spontan vornimmt, wie etwa die Annahme einer Erzähler- oder Wahrnehmungsinstanz (»focalizer«) zum Zuschreibungsobjekt für ›Motive‹ werden, die das Geschehen zusammenbinden. Auch was üblicherweise als »kompositorische«, »künstlerische« oder »ästhetisch-funktionale Motivierung« bezeichnet wird, kann in diesem Sinne als Zuschreibung von Motiven (Darstellungsabsicht) an eine imaginierte Autorinstanz beschrieben werden. Hier lässt sich anschließen an vorliegende Beobachtungen zur »anthropomorphic fallacy« (Bortolussi/Dixon 2003, 174) oder zu »psychopoetischen Effekten« (Mellmann 2006, 99-103, 107f.; 2010).

Neben solchen Formen der (Pseudo-)Psychologisierung sind es wohl vor allem allgemeinere Verknüpfungsregeln , mit denen der menschliche Geist Erfahrung prozessiert und unter übergreifende Sinnstrukturen subsumiert und die folglich auch in der Literaturrezeption zum Einsatz kommen können. Eine wichtige solche Verknüpfungsregel ist das Prinzip der Induktion , das nach einer Annahme von Eibl (2009) als eine biologische Disposition gelten kann. Induktion verstanden als Verallgemeinerung von einzelnen (im Idealfall wiederkehrenden) Eigenschaften zu einer Regel dürfte jedesmal beteiligt sein, wenn ein Leser sich zu Anfang einer Erzählung in die erzählte Welt einfindet, d.h. er nimmt von jedem Ereignis an, dass es den Regeln der erzählten Welt entspricht, und bildet an diesen vermuteten Regeln seine Erwartungen bezüglich weiterer Ereignisse aus (ggf. auch in Abweichung von seinem vorgängigen Weltwissen). Verweigert ein Text die wiederholende Be­stätigung der vermuteten Regeln, sollte das den Rezipienten in eine beständige Suchbemühung verwickeln. Auch auf der Ebene der kompositorischen Motivierung kommt Induktion zum Einsatz, z.B. wenn der Leser eine metaphorische Verknüpfung oder symbolische Parataxe nachvollziehen, d.h. auf der Ebene der histoire nicht weiter motivierte Ereignisse in eine symbolische oder thematische Sinnstruktur integrieren muss (Eibl 2009; Mae 1984). Weitere Prinzipien einer angeborenen ›Logik‹ (sog. »simple heuristics«), die in Literatur eine strukturierende Rolle spielen und dadurch Formen kognitiver Aktivierung (›Spannung‹, vgl. Mellmann 2007, 261ff.) hervorrufen, wie z.B. Teleologie (dazu Ajouri 2007, 11-43) wären noch zu suchen und evolutionspsychologisch zu plausibilisieren. 

 

2017  SZTE Germanisztika   globbersthemes joomla templates